Die Versäumnis
01.01.06
Am Vorabend des Versöhnungstags, zur Zeit, da man Kol Nidre sagen sollte, waren alle Chassidim im Bethaus versammelt und warteten auf den Rabbi. Die Zeit verging, er kam nicht. Eine der Frauen sprach zu sich: «Es dauert wohl noch eine Weile, bis angefangen wird, und ich habe mich so sehr beeilt, und mein Kind ist allein zu Haus geblieben, da will ich doch schnell nach ihm sehen, ob es nicht aufgewacht ist, in ein paar Minuten bin ich wieder hier.» Sie lief hinüber, horchte an der Tür, es war still. Leise drückte sie die Klinke nieder, steckte den Kopf vor, da stand der Rabbi und hielt ihr Kind im Arm, dessen Weinen ihn auf dem Weg zum Bethaus hergelockt hatte; er hatte mit ihm gespielt und ihm vorgesungen, bis es einschlief.