Der Frömmler

17.11.05

In einer Stadt lebte ein Mann, von dessen Frömmigkeit redeten die Leute so viel, daß er in ihrem Munde den Beinamen des Frommen erwarb. Als er einmal erkrankte und die Seinen erführen, daß etliche aus der Stadt zu Rabbi Nachum von Stepinescht zogen, um sich von ihm segnen zu lassen, baten sie diese, auch des Frommen vor dem Zaddik zu gedenken. Die Leute willfahrten ihrer Bitte; mit den Zetteln, auf die ihre Namen geschrieben waren, gaben sie dem Rabbi Nachum auch den Zettel mit dem Namen des Kranken und sagten, das sei ein Mann, weit berühmt um seines strengen Lebens willen und der Fromme geheißen. „Ich weiß nicht“, erwiderte der Rabbi, „was das ist, ein Frommer, und von meinem Vater habe ich nichts darüber erfahren. Aber ich meine, es wird eine Art Kleid sein: der Oberstoff ist aus Überhebung und das Futter aus Groll, und genäht ist es mit den Fäden der Schwermut.