Das Gespräch der Ofenheizer
21.11.05
Der große Maggid nahm nur erlesene Männer als Schüler an; von diesen sagte er, sie seien edle Wachskerzen, die nur entzündet zu werden brauchten, um in reiner Flamme zu brennen. Manche Gelehrten ließ er mit dem Bescheid von dannen ziehen, sein Weg stehe ihnen nicht an. Mehrere Jünglinge aber, die der Schülerschaft noch nicht gewürdigt worden waren, blieben in seiner Nähe, um ihn und die Schüler zu bedienen; man pflegte sie die Ofenheizer zu nennen, weil diese Tätigkeit zu ihrem frei gewählten Dienst gehörte.
Eines Nachts hörte einer der Schüler, Schneur Salman, der nachmalige Raw von Reußen, vor dem Einschlafen, wie im anliegenden Zimmer drei dieser Jünglinge sich am Ofen zu schaffen machten. Dabei unterredeten sie sich von der Opferung Isaaks. Der eine sagte: “Was wird da von Abraham so viel Aufhebens gemacht? Wer täte nicht, was er tat, wenn Gott selber es ihm beföhle? Denkt nur an die vielen, die ohne solch einen Befehl ihr Leben zur Heiligung des Namens hinwarfen! Was haltet ihr davon?“ Der andere sagte: „ Ich verstehe es so, daß die Hingabe des Teuersten bei den Kindern Israel kein sonderliches Verdienst mehr ist, eben weil sie das Erbteil der heiligen Väter in sich tragen; Abraham aber war der Sohn eines Götzendieners.“ Der erste der drei Ofenheizer erwiderte: „Was wog das in dem Augenblick, da Gott, Gott selber ihn anredete?“ Der zweite brachte nun vor: „Du mußt nicht vergessen, daß er am frühen Morgen aufstand und unverweilt die Fahrt rüstete, ohne auch nur eine Stunde mit seinem Kind im Hause zu säumen.“ Der erste nahm auch diesen Beweisgrund nicht an. „Wenn Gott mich jetzt anredete“, sagte er, „ich wartete nicht bis zum Morgen, sondern mitten in der Nacht machte ich mich auf, sein Geheiß zu erfüllen.“ Da sprach der dritte der Jünglinge, der bisher geschwiegen hatte: “Es heißt in der Schrift:<Denn jetzt weiß ich>, und sodenn:<Du hast deines einzigen Sohnes nicht geschont um meinetwillen.> Man möchte meinen, das Wort <um meinetwillen> täte nicht not. Aber eben an diesem Wort erfahren wir etwas: daß Abraham, als der Engel seine Hand einhielt, nicht eine Freude empfand, daß Isaak am Leben bleiben sollte, sondern immer noch und auch in diesem Augenblick noch und mehr noch als zuvor die eine Freude, das Gottes Wille durch ihn erfüllt war. Darum heißt es auch: <Denn jetzt weiß ich> - jetzt, als der Engel schon Abrahams Hand eingehalten hatte." Der erste der drei Ofenheizer antwortete darauf nicht mehr, und auch die anderen beiden waren verstummt. Rabbi Schneur Salman hörte nur noch das Knistern und Prasseln der Scheite.