Das Gebot der Liebe

28.12.05


Ein Schüler fragte den Rabbi Schmelke: «Es ist uns geboten: Liebe deinen Genossen dir gleich. Wie kann ich das erfüllen, wenn mein Genosse mir Böses tut?» Der Rabbi antwortete: «Du mußt das Wort recht verstehen: Liebe deinen Genossen als etwas, was du selbst bist. Denn alle Seelen sind eine; jede ist ja ein Funken aus der Urseele, und sie ist ganz in ihnen allen, wie deine Seele in allen Gliedern deines Leibes. Es mag sich einmal ereignen, daß deine Hand sich versieht und dich selber schlägt; wirst du da einen Stecken nehmen und deine Hand züchtigen, weil sie keine Einsicht hatte, und deinen Schmerz noch mehren? So ist es, wenn dein Genosse, der Eine Seele mit dir ist, dir aus mangelnder Einsicht Böses erweist; vergiltst du ihm, tust du dir selber weh.» Der Schüler fragte weiter: «Wenn ich aber einen Menschen sehe, der vor Gott böse ist, wie kann ich den lieben?» «Weißt du nicht», sagte Rabbi Schmelke, «daß die Urseele aus Gottes Wesen kam und jede Menschenseele ein Teil Gottes ist? Und wirst du dich seiner nicht erbarmen, wenn du siehst, wie einer seiner heiligen Funken sich verfangen hat und am Ersticken ist?»